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Bernthsen, Heinrich August , Chemiker

Category: Kurzbiografien Published: Friday, 02 May 2014 Written by Daniel

Bernthsen, Heinrich August , Chemiker

 *29.08.1855, Krefeld (Rheinprovinz), ev., +26.11.1931, Heidelberg

 

 

Eine etwas verkürzte Version wurde in den "Badischen Biographien, Neue Folge", Bd. V (2005), S. 15-16  publiziert.

 

 

 

V Heinrich Friedrich B. (1821-1913), Bauunternehmer
M Maria Sibilla B., geb. Potgieser (1825-1903?)
G Schwester Sophie B. (1857-1936)
oo 17.03.1884 Maria Magdalena von Haubenschmied (1863-1927)
K Elisabeth Wilhelma B. (1885-1902); Heinrich Ferdinand August 
(1893-1902); Walther Theodor Friedrich (1888-1919)

 

1863 X - 1871 VII                            Besuch der Realschule I. Ordnung in Krefeld
                                                          Reife mit Prädikat "Gut".
1871 X - 1874 III                              Studium an der Univ. Bonn
1874 SS                                           Studium Chemie an der Univ. Heidelberg
1875 X - 1878 XII                            Unterrichts-Assistent am chemischen
                                                          Laboratorium, Univ. Bonn
1876 VI 17                                       Promotion summa cum laude zum Dr. phil. an
                                                          der Univ. Bonn; Diss.: "Ueber einige Derivate
                                                          des Benzylcyanids, besonders die aus ihm
                                                          entstehenden Amidine".
1878 VI 5                                         Oberlehrerexamen ebd.
1879 I 9                                            Habilitation an der Univ. Heidelberg; 
                                                          Probevorlesung: "Über den Harnstoff und die 
                                                          Derivate desselben" 

1883 V 22                                        a.o.Professor an der Univ. Heidelberg
1883 V 29                                        Die erste Patentanmeldung über einen

                                                          Farbstoff
1887 XI 15                                       Leiter des Hauptlaboratoriums der BASF;

                                                          Umzug nach Mannheim
1897                                                 Vorstand der Patentabteilung der BASF
1906                                                 Vorstandsmitglied der BASF 
1912                                                 Umzug nach Heidelberg
1914                                                 Geheimhofrat 
1919 VIII 1                                        o. Honorarprofessor an der Univ. Heidelberg
1925                                                 Ende der Vorlesungen

 

 

B. hatte eine sorgfältige Erziehung bekommen, mit 16 Jahren absolvierte er die Oberrealschule mit Prädikat "gut". Schon damals zeigte der begabte und fleißige Junge eine besondere Neigung zu den Naturwissenschaften. So ging er nach Bonn um Physik und Chemie zu studieren und hatte das Glück, sich bei solch hervorragenden Gelehrten wie R. Clausius und A. Kekulé entwickeln zu können. Besonders folgenreich war der Einfluss Kekulés, an den B. sich bis zu seinem Lebensende dankbar erinnerte.

Während seiner Studienjahre begann B. eine Forschung über die Reduktion des Benzylcyanids, bekam neue interessante Ergebnisse und wurde durch Kekulé zu seinem Assistenten befördert, obwohl er noch keinen Doktorgrad hatte. Kekulé übernahm dabei die Verantwortung vor den Universitätskuratoren, dass sein Assistent das Doktorexamen bestehen werde. Unter Kekulé setzte B. seine Forschung fort und promovierte summa cum laude mit der Dissertation "Über einige Derivate des Benzylcyanids", die Kekulé gewidmet wurde und später als Ausgangspunkt für seine weiteren Forschungen diente; sie überschritt das durchschnittliche Niveau solcher Arbeiten bei weitem.

Danach wollte B. die akademische Laufbahn beschreiten. Sein Vater verlangte aber, um die Zukunft besser zu sichern, dass B. noch das Oberlehrerexamen bestehe. B. schaffte auch das - im Hauptfach Philosophie. Dieses zweite Diplom erleichterte ihm die Habilitation. Das Wichtigste war aber, dass seine Philosophiestudien ihm das Verständnis der Bedeutung genauer Definitionen und korrekten Gedankenausdrucks vermittelten, was ihm später gute Dienste erwies.


Als eine Möglichkeit sich eröffnete, organische Chemie in Heidelberg zu dozieren, habilitierte er sich zum Privatdozent und richtete sein Privatlaboratorium in Heidelberg ein. Er bekam einen Zuschuss (1000, später 1800M) von der badischen Regierung und finanzierte aus eigenen Mitteln einen Assistenten und einen Hilfsassistenten. Während acht Jahren war B.'s Labor der einzige Standort der organischen Chemie in Heidelberg. Unter diesen bescheidenen Umständen fertigte aber B. seine bedeutendsten chemischen Arbeiten. Hier klärte er die Zusammensetzung des Natriumhydrosulfits und führte diese Substanz als Reduktionsmittel in die organische Chemie aber auch in die volumetrische Analyse ein. Und hier untersuchte er organische Stoffe, die von grundlegender Bedeutung für die damals junge Farbstoffchemie waren; so synthetisierte er das Thiodiphenylamin, das die Muttersubstanz für die Vielzahl der Methylenblaufarbstoffe wurde.


B. selbst sah die praktische Wichtigkeit dieser Arbeiten; 1883 erhielt er vier Patente für seine Verfahren zur Darstellung schwefelhaltiger Farbstoffe und schlug seine Erfindungen der BASF vor. Die Patente wurden gekauft, und danach begann seine Zusammenarbeit mit der BASF, die natürlicherweise dazu führte, dass B. 1887 die Leitung des Forschungslaboratoriums bei der BASF übernahm.

Sein Verdienst war, wissenschaftliche Forschungen so einzurichten, dass seine Vorgaben sich Jahrzehnten lang bewährte. Zuerst führte B. auch in diesem Labor vorwiegend experimentelle Arbeiten über Farbstoffe durch; die Ergebnisse spiegelten sich in 16 weiteren Patenten und in einigen Artikeln wider. Gleichzeitig oblag ihm die Aufgabe, die chemische Zusammensetzung der von der Konkurrenz erbrachten Produkte zu enträtseln, und hier half ihm sein ausgezeichnetes analytisches Denken. Dieses Talent B.'s zeigte sich besonders beim Patentieren eigener Erfindungen und bei Einsprüchen gegen fremde Patentanmeldungen. B. nahm auch an einigen internationalen Patentprozessen teil. 
1898 wurde B. Leiter der Patentabteilung und musste sich mit den Patentenangelegenheiten der ganzen Firma beschäftigen, wobei seine Logik und seine vollständige Beherrschung des Englischen und Französischen, ganz zu schweigen über seine chemischen Kenntnisse, ihn zum großen Experten machten. Eine Reihe geschickt durchgeführter Patentprozesse, aber auch die Patentierung wichtiger Erfindungen - in Kämpfen mit damaligen Patentämtern - brachten für die BASF riesige Gewinne. Später trug er viel zur Erarbeitung des neuen Patentgesetzes bei.


Nach dem Krieg gab B. seine Tätigkeit bei der BASF auf und kehrte an die Universität Heidelberg zurück. Jetzt las er über chemische Technologie und bemühte sich, den Akademikern einen "Ingenieursblick" beizubringen. 
Die erste Periode seiner Lehrtätigkeit wurde mit der Abfassung eines "Lehrbuches der organischen Chemie" gekrönt. Das ist eine erstaunlich vernünftige und beispielhafte knappe Darstellung des Wesentlichen in diesem Fach. Sie ging durch viele Auflagen und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Nun arbeitete B. an der 15. und später der 16. Auflage seines Lehrbuches, das jedesmal aktualisiert wurde.


Während die berufliche Tätigkeit B.'s erfolgreich und glücklich war, wurde sein Familienleben durch den frühen Tod aller seiner Kinder überschattet. Seine sehr geliebte und begabte Ehefrau (sie publizierte Romane und Erzählungen unter dem Decknamen Max Grad) verschied früher als er, und seine letzten Jahren lebte er mit seiner einzigen Schwester. Fast bis zum Lebensende arbeitete er an Artikeln von chemisch-historischem Inhalt.


UA Heidelberg (H-IV-102/89, 8; PA 1362; PA 3285); StadtA Heidelberg (Auskunft); UB Heidelberg (Hs 3833); StadtA Mannheim (12/1982, Nr. 22); Unternehmensarchiv BASF (W1, Bernthsen)

 

W Ueber einige Derivate des Benzylcyanids, besonders die aus ihm entstehenden Amidine, Inaugural-Dissertation, Bonn, 1878; Zur Kenntnis der Amidine und Thiamide einbasischer organischer Säuren, Habilitationsschrift. Heidelberg, 1878; Ueber das unterschwefligsaure (hydroschwefligsaure) Natron, Ann. Chem. Pharm., 1878, 208, 142-181, 1880, 211, 285-305; Die Acridine, ebd., 1884, 224, 1-56; Studien in der Methylenblaugruppe, ebd., 1885, 230, 73-211, 1889, 251, 1-97; Kurzes Lehrbuch der organischen Chemie, 1. Aufl. 1887, 16. Aufl. 1924; Heinrich Caro, Ber. Dt. Chem. Ges., 1912, 45, 1987-2042; Die Verfassung des Patentsamts nach dem neuen Patentgesetzentwurf, Deutsche Wirtschafts-Zeitung, 1. Febr. 1914, 10. Jg., Nr. 3, Sp. 100-105; Über die Notwendigkeit des Studiums der chemischen Technologie an der Universitäten, Zs. angew. Chem., 1924, 37, 144-147; Fünfzig Jahre Tätigkeit in chemischer Wissenschaft und Industrie, Heidelberg, 1925; Die Heidelberger chemischen Laboratorien für den Universitätsunterricht in den letzten hundert Jahren, Zs. angew. Chem., 1929, 42, 382-384; Streiflichter auf Kekulés Bonner Zeit, ebd., S. 891-892; August Kekulé, ebd., 1930, 43, 719-722.

 

L P. Julius, Zu A. B.'s 70. Geburtstag, Zs. angew. Chem. 1925, 38, 737-744; B. Lepsius [Adresse zu A.B.'s 70. Geburtstag], Ber. Dt. Chem. Ges. 1925, 58A, 42-44; K. Holdermann, A. B. zum Gedächtnis, Zs. angew. Chem., 1932, 43, 141-143; R. Spagl, NDB, Bd. 2 (1955), S. 142-143.
 

B Zs. angew. Chem., 1925, Bd. 38, Nr. 35; Photographien im UA Heidelberg                                                                  

 

 

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