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Mayer, Adolf (1843-1942), Agrikulturchemiker

Category: Kurzbiografien Published: Monday, 05 May 2014 Written by Daniel
MayerAdolf Eduard, Agrikulturchemiker, * 9.8.1843, Oldenburg, ev., + 25.12.1942, Heidelberg
 

Eine etwas verkürzte Version wurde in den "Badischen Biographien, Neue Folge", Bd. V (2005), S. 201-204  publiziert.

 

V Mayer, Karl August (1808-1894) Gymnasiallehrer

M Luise Julie, geb. Gmelin (1817-1896)

Mathilde (1842-1865); Ida, verh. Deecke (1848-1935)

oo 1872, 20.12 in Heidelberg Johanna Maria Sofie Rolligs (1853-1938)

K Hugo M. (1873-?); Ella Mathilde Luise, verh. Schönfeld (1881-?); noch zwei Kinder, über die es keine Informationen gibt

 

 

 
 
1852 X -1859 VII                Lyzeum zu Mannheim

1859 X -1860 IV                 Höhere Bürgerschule zu Mannheim; Zeugnis der Reife 

                                          mit dem Prädikat "Gut"

1860/62                             Studium der Mathematik und derChemie an d. TH Karlsruhe

 

1862 X 21                          Immatrikulation an der Univ. Heidelberg

1864 II 13                           Promotion zum Dr.phil. summa cum laude in den Fächern

                                          Chemie, Physik und Mathematik ebd.

1865 XI -1866 XII               Studien der landwirtschaftlichen Fächer, gleichzeitig 1866 

                                          (I-XII) Assistent des chemischen Laboratoriums an der Univ.

                                          Halle

1867 I- 1868 III                  Assistent an d.Landwirtschaftlichen Versuchsstation

                                                       Karlsruhe

1868 XI 21                        Habilitation an d. Univ. Heidelberg; H.-schrift:

                                                      "Untersuchungen über die alkoholische Gährung, den 

                                         Stoffbedarf und Stoffumsatz der Hefepflanze";

                                                       Probevorlesung: "Über den Einfluss der physikalischen und

                                                       chemischen Beschaffenheit des Bodens auf die Vegetation"

1875 I 8                            a.o. Professor ebd.

1876 VIII 1                         Lehrer an d. landwirtschaftlichen Hochschule zu

                                                       Wageningen, Holland

1877 II 1                            Professor ebd. und Direktor der Staatsversuchsstation

                                                       in Wageningen

1886 IX 18                        Kgl. Ernennung als Mitglied der Staatlichen Kommission für 

                                         die Untersuchung des Zustandes der Landwirtschaft in den

                                                       Niederlanden

1903 I 1                             Ehrenvolle Pensionierung

1905 III 15                         Rückkehr nach Heidelberg

1920                                 Dr. h.c., Hochschule für Bodenkultur, Wien

1923 VIII                            Dr. h.c., Landwirtschaftliche Hochschule, Berlin 

1924 V                               Mitglied d. Akad. d. Wissenschaften, Heidelberg 

 

1926 IX                              Dr. h.c., Landbouwhogeschool Wageningen

 

 

M. wurde als erstes Kind des Gymnasiallehrers K. A. M. geboren, der 1849 mit seiner Familie nach Mannheim zog. M.'s Mutter war die älteste Tochter des berühmten Chemikers Leopold Gmelin, und das akademische Milieu beeinflusste die Entwicklung des Jungen. Von neun bis sechzehn Jahren besuchte M. das Mannheimer Lyzeum, erhielt die Beurteilung "gut befähigt", wechselte aber ohne Abschluss auf die Höhere Bürgerschule, die seiner Neigung zur Naturwissenschaft mehr entsprach und die er mit dem Prädikat "gut" beendete.

 

M.'s Studien- und erste Arbeitsjahre zeigen sein ungeduldiges Suchen nach dem richtigen Weg, aber auch seine respektlose Einstellung zu den akademischen Traditionen. Im Herbst 1860 bezog M. das Polytechnikum zu Karlsruhe "halb entschlossen" sich "einer technischen Berufsart zu widmen". Nach einem Jahr allgemeinen Studiums traf er seine Wahl für Chemie bei Carl Weltzien. Sein Chemie-Studium setzte M. an der Univ. Heidelberg fort, promovierte dort summa cum laude nach drei Semester, da damals eine Inaugural-Dissertation nicht verlangt wurde. Sofort nach der Promotion ging M. nach Gent und ab März bis Ende des Sommersemesters 1864 arbeitete er bei A. Kekulé. Anschließend "versuchte" er sich während mehrerer Monaten in Belgien "in der chemischen Technik", jedoch war die chemische Fabrik "mir von Grund verleidet". So kehrte er nach Deutschland zurück, um sich im Herbst 1865 an der Univ. Halle, wo ihm eine Assistentenstelle am chemischen Laboratorium in Aussicht stand, zu immatrikulieren. Es war eine geradezu schicksalhafte Entscheidung, weil M. hier, besonders dank der Vorlesungen von Julius Kühn, sich nun einem wenig erforschten Gebiet verschrieb, das zwischen Chemie, Biologie und Landwirtschaft lag: Die Agrikulturchemie war damals im Stadium des Werdens, sie hatte 1862-1863 die erste Phase ihrer Institutionalisierung beendet. M. konnte nun seine Fähigkeiten an die Entwicklung des neuen Faches anwenden.

M. verließ also seine Assistentenstelle in Halle, die er ab Anfang 1866 innehatte: Er ging, aus 12 Mitbewerbern ausgewählt, an die Landwirtschaftlich-chemische Versuchsstation Karlsruhe. Als Assistent fungierte M. nun 15 Monate, begann eigene Forschungen (über die "Produktion von organischer Pflanzensubstanz bei Ausschluss der Lichtstrahlen"). Danach entschloss er sich, eine größere wissenschaftliche Arbeit durchzuführen, verließ die Versuchsstation, beendete im chemischen Laboratorium der TH Karlsruhe seine Untersuchungen über alkoholische Gärung, die er, zusammen mit seinen früheren Arbeiten als Habilitationsschrift der Philosophischen Fakultät Heidelberg vorstellte. Gutachter waren der Chemiker Bunsen und der Pflanzenphysiologe Hofmeister. Der Habilitationsvorgang verlief nicht ohne Schwierigkeiten. Bei der Vorbereitung seiner Probevorlesung beging M. einen Verstoß gegen die geltenden Regeln: Er las die notwendige Literatur nicht in der Bibliothek, sondern zu Hause. Ein Skandal folgte, der damit endete, dass die Fakultät die Probevorlesung um zwei Wochen verschob und das Thema änderte. Diese Angelegenheit ist symbolisch: M.'s nonkonformistische Abweichung von der traditionellen Ordnung schuf ihm hier Probleme mit der Fakultät, besonders mit H. Kopp, aber auch später. So wurde er erst Anfang 1875 zum a.o. Professor befördert, sein Gesuch vom Januar 1873 wurde durch die Fakultät abgelehnt.

Als Privatdozent las M. zu den Themen "Agrikulturchemie als naturwissenschaftliche Grundlage des gesamten landwirtschaftlichen Betriebes", "Theorie der Gährungserscheinungen", seit 1872/73 auch "Landwirtschaftlich-chemische Gewerbe". Seit Sommersemester 1872 leitete er die agrikulturchemischen Arbeiten im Landwirtschaftlichen Laboratorium. Sommer 1870 und 1871 wurde M. außergewöhnlich beurlaubt, um seine eigenen Forschungen und literarischen Arbeiten durchzuführen.

 

In diese erste Heidelbergische Periode fallen außerordentlich wichtige Leistungen M.'s:

In seiner Schrift über "Das Düngerkapital" (1869) widerlegte M. die Liebigsche Raubbautheorie und entwickelte "durchaus modern anmutende dynamische ökonomische Modellvorstellungen, die aus heutiger Sicht nur um einige Faktoren ergänzt werden müssen" (St. Dabbert, 1997). Seine bereits zur Habilitationsdisputation vorgebrachte These lautete: "Bei der Düngung der Ackerfelder ist keine Rücksicht zu nehmen auf den vollständigen Wiederersatz der durch die Erndten hinweggenommenen anorganischen Bestandteile, sondern lediglich auf die Rentabilität des verwendeten Düngercapitals". M.'s Modell erklärte den Entwicklungsverlauf des Naturstoffzustandes der Böden in Abhängigkeit von volkswirtschaftlichen und physischen Parametern. Gleichzeitig wurde das Liebigsche Gesetz von Minimum auf alle Wachstumfaktoren ausgedehnt.

Noch bedeutender wurde sein "Lehrbuch der Agrikulturchemie" (1871), das dieses Fach maßgebend darstellte. Es war "eine Erweiterung der Agrikulturchemie bis zu ihrem natürlichen Umfang", so der Verfasser im Alter. Sein Fach verstand M. sehr weit, er schloss darin auch erstmalig "Agrikulturphysik" ein, wie auch die ökonomischen Seiten des Ackerbaus. Das Buch brachte M. starke Beachtung; es wurde bald in Italienisch und in Russisch übersetzt, neue Auflagen wurden nötig.

 

Als M. endlich zum a.o. Professor ernannt wurde, sah er allerdings keine günstige Perspektive vor sich. Einerseits hatte er, wegen seiner Publikationen gegen die Liebigsche Agrikulturchemie mächtige Gegner unter den deutschen Chemikern; andererseits gab es für sein junges Fach noch kaum Lehrstühle in Deutschland. Deswegen folgte M. einem Ruf nach Wageningen, Holland, und sein Übergang von der weltberühmten Universität zu einer neu gegründeten Schule in einer provinziellen Stadt eines fremden Landes war ein kühner, aber erzwungener Schritt.

Mit 42 Jahren fing M. ein neues Leben in den Niederlanden an, zuerst allerdings "in der wissenschaftlichen Vereinsamung". Für die holländische Naturwissenschaft war aber damals der Frühling der "zweiten Goldenzeit", d.h. allgemeine günstige Verhältnisse im Land, und M. selbst hatte Glück, dazu beitragen zu können. M.'s erste Stelle war als Lehrer der landwirtschaftlichen Hochschule. Am 1. Febr. 1877 wurde die erste holländische Versuchsstation in Wageningen eröffnet und M. zu ihrer Direktor ernannt; gleichzeitig bekam er den Titel Professor. An der Schule unterrichtete er Agrikulturchemie und Agrikulturtechnologie (Zuckerextraktion, Branntweinbrennerei, Bierbrauen) und an der durch ihn nach deutschem Muster eingerichteten Versuchsstation führte er mit einigen Assistenten verschiedene Forschungen durch. Seine damaligen Pionierarbeiten über die Mosaikkrankheit des Tabaks (1882-1886) gelten als klassisch: sie bereiteten den Weg zur modernen Virologie vor.

M.'s Werk in Holland war aber hauptsächlich ein organisatorisches: er erarbeitete einen Plan der einheitlichen Organisation eines ganzen Netzes von staatlichen Versuchsstationen im Land. Als von der Regierung ernannter Vorsitzender des Kollegiums von Direktoren und als Mitglied des Aufsichtsrats der holländischen Staatsversuchsstationen konnte er seine Pläne im Wesentlichen ausführen. Aus Anlass der Erweihung eines neuen Gebäude der Versuchsstation in Wageningen 1902 wurde eine Gedenktafel angebracht mit den Worten: "Für Ad. Mayer, den hervorragenden Agrikulturchemiker, den Organisator des Versuchsstationwesens in den Niederlanden".

 

Nach 38 Jahren aktiver Arbeit schied M. aus und ging nach Heidelberg zurück. Sein Ruhestand dauerte weitere 39 Jahre und war durch große literarische Tätigkeit ausgefüllt. M. interessierte sich schon immer für allgemeine Probleme des Lebens, auf die er durch wirtschaftliche Fragestellungen gekommen war. Nun konnte er zu jenen Problemen zurückkehren. Dazu gehörten auch seine didaktischen Stücke, die er unter dem durchsichtigen Decknamen Eduard Maydolf publizierte. Diese Publikationen, einschließlich der Lobgedichte über Hitler, sind interessant als Zeugnisse der Zeitgeschichte.

Der alte M. war nach und nach zum lebenden Denkmal, insbesondere als Enkel Gmelins, geworden. "Noch als hoher Neunziger war er geistig sehr rege", schrieb A. Mittasch, "und wenn auch seine starke Schwerhörigkeit das Gespräch nur mühsam fortschreiten ließ, so war es ein eigener Genuss, ihn über die Zeiten von Liebig, Kekulé, Bunsen, Helmholtz so lebendig zu hören, als habe er das alles erst kürzlich erlebt". Seine Erinnerungen hat M. teilweise herausgegeben.

 

Das literarische Erbe M.'s ist vielseitig. Er hatte eine stark geprägte Neigung zu Verallgemeinerungen und Zusammenfassungen. Von insgesamt ca. 220 seiner Publikationen, die ausfindig gemacht werden konnten (die wahre Zahl ist wohl etwas größer, da seine Artikel, zerstreut in deutschen und niederländischen Periodika, schwierig aufzufinden sind), ca. 120 beziehen sich auf allgemeine soziale, ökonomische, geschichtliche und philosophische Fragen, etwa 20 sind zusammenfassende Fachbücher und Broschüren und 80 beschreiben konkrete Forschungen in der physiologischen Chemie, Pflanzenphysiologie, Bodenanalyse, Düngung u. a. (In der Liste der Werke werden nur einige exemplarische Titel genannt.)

Als ewiger Ketzer, schloss M. viel Polemik in seine Schriften ein. Wie er 1925 in einem Brief, offensichtlich aufgrund eigener Erfahrungen, schrieb, "...solange man im Aufstiege ist, kläfft die Meute einem jeden Neuerer entgegen, da ein solcher immer unbequem ist."

M.'s Hauptwerk, "Lehrbuch der Agrikulturchemie", in dem er seinen wichtigsten und liebsten Gedanken darstellte, bleibt ein Meilenstein in der Geschichte dieses Gebiets. M. war ein Wegbereiter für moderne interdisziplinäre Forschungen und der Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis. Auch als einem Klassiker der Phytopathologie ist M. ein Ehrenplatz in der Geschichte der Naturwissenschaft bestimmt.

 

 

Q StadtA Mannheim (12/1982, Nr.151; 4/1977, Nr. 55, 65, 66; 68/1993, Nr.2); StadtA Heidelberg (Aukünfte); UA Halle (Auskunft); UA Heidelberg (H-IV-102/62; PA 1975; H-IV-102/70, Nr.2; H-IV-102/73; Rep. 14-875); GLA Karlsruhe (236/26648; 76/9996a; 76/5184); A Akad. Wiss. Heidelberg (1.11 - Mayer); Historische Verzameling van de Landbouwuniversiteit Wageningen, Nederland; Rijksarchief Gelderland, Arnhem, Nederland (inv. 0740, nr. 435, 496, 501, 502).

 

 

W Das Düngerkapital und der Raubbau: Eine wirtschaftliche Betrachtung auf naturwissenschaftlicher Grundlage, 1869; Lehrbuch der Agrikulturchemie in vierzig Vorlesungen, 2 Bde. 1871, 7. Aufl. 1914-1927; Lehrbuch der Gährungschemie in dreizehn Vorlesungen, 1874, 71926; Karl Marx, der Theoretiker des modernen Sozialismus, Deutsche Warte, 8, 1875, 577-588; Der Sozialismus, seine Grundidee und seine Irrtümer, ebd., 9, 1875, 641-689; Der Kapitalismus in der Gelehrtenwelt, Sammlung von Vortragen für das deutsche Volk, 6, 1882, 161-203; Die Lehre von den chemischen Fermenten oder Enzymologie, 1882; Ueber die Mosaikkranheit des Tabaks, Landwirtsch. Versuchsstation, 32, 1886, 451-467 (Übersetzung in Englisch - in Phytopatological Classics, 1942, v.7); Die landwirtschaftlichen Versuchsstationen als Staats-Institut, 1896; Resultate der Agrikulturchemie: Eine gedrängte Übersicht des für die Praxis Wissenwertigstens, 1903; Holland und die Holländer, Die Grenzboten (Leipzig), 64, 1905, III, 505-514, 578-587, 694-704; Holland als Kolonialmacht, Deutsche Rundschau, 1906, Nov., 288-306; Los vom Materialismus! Bekenntnisse eines altes Naturwissenschaftlers, 1906; Nietzsche als Denker, Dichter und - Verderber, 1907; Der Jude inmitten der deutschen Kultur, Der Volkserzieher (Berlin), 17, 1913, Nr.9, 65-67; Die Grenzen der Liebigschen Agrikulturchemie, Naturwissenschaften, 12, 1924, 905-911; Letzte Ziele der Agrikulturchemie, Die landwirtschaftlichen Versuchsstationen, 109, 1929, 367-384; Erinnerungen an August Horstmann, Naturwissenschaften, 18, 1930, 261-264; Der Lehrstuhl der Chemie in Heidelberg seit 1815, Neue Heidelberger Jahrbücher, 1930, 112-131; Die Lösung des Rätsels der Arbeitslosigkeit, 1933; Singsang für Volk und Vaterland, 1940.

 

 

L Karl August M., BB, V, 547-550 (1906); Poggendorfs Biographisch-literarisches Handwörterbuch, Bd.III (1898), S. 892; Bd. IV (1904), S. 978; Bd. VI (1938), S. 1679, Bd. VIIa, Teil 3 (1959), S. 234 (mit Verzeichnis der Werke); W. Böhm, A. M. 1) NDB, Bd. 17, 533-534 (1990), 2) Biographisches Handbuch zur Geschichte des Pflanzenbaus, 1997, S. 206; St. Dabbert, Ökonomik der Bodenfruchtbarkeit, 1994, S. 81-90.

 

 

B UB Heidelberg (Portraitsammlung); Landbouwuniversiteit Wageningen, Historische Verzameling; Netherl. J. Plant Pathology, 87, 1981, 93, 106; Phytopatological Classics, 7,1942, 8; Mitteilungen aus der Biolog. Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft, 1980, H. 196, S. 97; Basrelief (von Jan Mensing, Amsterdam, 1902) an der Gedenktafel, Rijksproefstation voor zoodcontrole te Wageningen.

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