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Schneider, Kurt (1887-1967), Psychiater

Category: Kurzbiografien Published: Monday, 05 May 2014 Written by Daniel

Schneider, Kurt, Psychiater

*7.01.1887 Crailsheim (Württemberg). ev.. +27.10.1967 Heidelberg
V Paul Alexander von S. (1855-1918), Kgl. Amtsrichter.
M Julie Mathilde Theodora Weitbrecht (1860-1938)
G Hilde (1883-1973) verh. Gaupp, Gertrud (1884-1954), verh. Weitbrecht.
∞ 26.02.1927, Köln-Lindenthal, Hedwig Maria (Heidi) von Recklinghausen (1906-1998).
K Johanna Elisabeth (Hanna) (*1928), verh. Seyffert; Brigitte (*1931), verh. Löhrich.

1897 IV - 1905 VII         Besuch der humanistischen Gymnasien in Ulm, Heilbronn 
                                       u. Stuttgart. Abitur am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium
                                       Stuttgart
1905 IX - 1911 XII         Studium Medizin an den Universitäten Tübingen u. SS 
                                       1908-WS 1908/09 Berlin; im Dez. 1910 Staatsprüfung, 
                                       1911 praktisches Jahr: Januar- August  als Assistent der 
                                       Klinik für Gemüts- u. Nervenkrankheiten, September-
                                       Dezember an d. inneren Abteilung des Krankenhauses 
                                       Ludwigsburg; Rigorosum am 22. Dez. 1911
1906 IV-IX u.1912 V-X    Je ein halbes Jahr Militärpflicht als Einjährig-Freiwilliger i                                      m 10. Infanterie-Regiment Nr. 180, Tübingen, bzw. beim 
                                       20. Ulanen-Regiment Württembergs
1912 III 28                     Promotion cum laude zum Dr. med. an der Univ. Tübingen 
                                       bei Robert Gaupp (1870-1953); Diss.: "Über einige 
                                       klinisch-psychologische Untersuchungsmethoden u. ihre 
                                       Ergebnisse" 1912 XI ? 1931 VI    Assistenzarzt, ab 1919 
                                       Oberarzt d. Städtischen Psychiatrischen Klinik
                                      Lindenburg  (ab Juni 1919 - Universitätsklinik) in Köln
1914 VIII - 1918 XII      Heeresdienst: während 3 Jahren als Truppenarzt, dann als
                                      Oberarzt d. Reserve in Kriegslazaretten, zuletzt als 
                                      leitender Arzt des Nervenschusslazaretts in Tübingen. EK I
                                      I, Ritterkreuz
1919 II-V                       Habilitation für das Fach Psychiatrie an der Kölner 
                                      Akademie für praktische Medizin; H.-schrift: "Studien über 
                                      Persönlichkeit u. Schicksal eingeschriebener
                                      Prostituierter"; Probevorlesung: "Reine Psychiatrie,
                                      symptomatische Psychiatrie u. Neurologie"
1919 VIII - 1931 VI      Privatdozent, ab Nov. 1922 a.o. Professor für Psychiatrie
                                      an d. Univ. Köln
1921 II 19                     Promotion summa cum laude zum Dr. phil. an d. Univ. Köln 
                                      bei Max Scheler (1874-1928); Diss.: "Pathologische
                                     Beiträge zur psychologischen Phänomenologie von Liebe
                                      u. Mitfühlen"
1931 VII - 1945 XII      Leiter der Klinischen Abteilung (ab 1934 in Klinisches
                                      Institut umbenannt) d. Deutschen Forschungsanstalt für
                                      Psychiatrie (Kaiser-Wilhelm-Institut) für Psychiatrie,
                                      München u. Gleichzeitig Chefarzt des Städtischen
                                      Krankenhauses München-Schwabing
1931 XII - 1945 XII    Außerplanmäßiger Professor, ab Dez. 1934 -
                                    Honorarprofessor für Psychiatrie u. Neurologie an d. Univ.
                                   München
1939 VIII - 1945 X    Im Heeresdienst als Stabsarzt, Oberstabsarzt, Oberfeldarzt,
                                   zuletzt Oberstarzt d. Reserve 
1946 I - 1955 III        o. Professor für Psychiatrie u. Neurologie an d. Univ.
                                  Heidelberg
1946 VIII - 1947 VIII    Dekan d. Medizinischen Fakultät
1951 VIII - 1952 IX    Rektor (WS 1952/53 u. SS 1953 - Prorektor)

Ehrungen: Dr. jur. h. c.(1957), Dr. theol. h. c. (1967), beide Univ. Heidelberg; Goldene Kraepelin-Medaille (1966).

S.s Vater, Paul von Schneider, studierte 1873-1878 Jura in Tübingen und war nach beiden Staatsprüfungen königlicher Beamter, nämlich als Amtsrichter, ab 1891 Landgerichtsrat  in mehreren Orten tätig, so in Crailsheim, dem Geburtsort S.s, in Stuttgart, in Ulm, in Heilbronn und wieder in Stuttgart. 1917 wurde er Landgerichtspräsident in Ulm. Dementsprechend wechselte S. oft die Schulen. Die letzten zwei Jahre, 1903/04 und 1904/05, besuchte er das Eberhard-Ludwigs-Gymnasium in Stuttgart, wo er im Juli 1905 sein Abitur ablegte. Dem Wunsch des Vaters, sein einziger Sohn sollte ein Berufsoffizier werden, wollte S. nicht folgen: Er neigte eher zu Philosophie und Kunst. Vermutlich dank der Mutter wurde ein Kompromiss im Medizinstudium gefunden.
Mit Ausnahme von zwei Semestern in Berlin studierte S. ausschließlich an der heimischen Universität Tübingen. Das Wichtigste war ein Treffen mit einem Lieblingsschüler des großen Psychiaters Emil Kraepelin (1856-1926), dem selbst schon bedeutenden Gelehrten Robert Gaupp, das seine ganze Laufbahn bestimmen sollte: "In Tübingen hörte ich Gaupp - da wusste ich, was ich wollte", erinnerte sich S. (Huber, 1998, 138).
Nach der Promotion leistete S. die restliche Hälfte seiner Militärpflicht und ab November 1912 begann er, nach Empfehlung Gaupps, seine berufliche Tätigkeit an der psychiatrischen Abteilung des städtischen Krankenhauses Köln-Lindenburg. Sein Chef war Gustav Aschaffenburg (1866-1944), auch Kraepelins Schüler, Gründer der sog. forensischen Psychiatrie (Straftaten Geistkranker). Aschaffenburg veranlasste den begabten und zuverlässigen Mitarbeiter zu einer Forschung, die zur Habilitation führen könnte. Mit der Unterstützung des Polizeipräsidiums in Köln konnte S. reiches Material zum Thema "Persönlichkeit und Schicksal eingeschriebener Prostituierter" sammeln, beendete seine Studien damals aber noch nicht wegen des Kriegs.
Mit Kriegsbeginn rückte S. als Assistenzarzt, später als Oberarzt der Reserve des Ulanen-Regiments 20 ins Feld, wobei er vielfach zu anderen Truppenteilen kommandiert wurde. "Drei Jahre war ich auf den verschiedensten Kriegsschauplätzen Truppenarzt" (Lebenslauf S., UA München, E-II-3025). Aus diesen Jahren stammt der sehr interessante Artikel "Einige psychiatrische Erfahrungen als Truppenarzt", der mit der Bemerkung schließt, dass "der angeborene Unerschrockene zwar der praktisch Brauchbarste ist, aber keineswegs der menschlich wertvollste zu sein pflegt" (S., 1918, 314). 
Erst als er aus dem Militärdienst entlassen war, konnte S. 1919 die Venia legendi erwerben, noch an der Kölner Akademie für praktische Medizin, deren Mitglied Aschaffenburg gewesen war. Ihm widmete S. "dankbar" seine Habilitationsschrift. Gleichzeitig wurde S. zum Oberarzt des Krankenhauses Lindenburg befördert. Nach einem Monat verwandelte sich  die Akademie in die Medizinische Fakultät der eben neugegründeten Universität Köln und das Krankenhaus in die Universitätsklinik. S. wurde hier der erste Privat-Dozent für Psychiatrie. In verhältnismäßig kurzer Zeit beförderte man ihn zum a.o. Professor. S. las über "Allgemeine Psychopathologie", "Abnorme Persönlichkeiten" "Religions-Psychopathologie", "Psychologie für Mediziner" und führte "Psychiatrisch-neurologische Propädeutik" ein. Er begann auch Doktoranden zu betreuen, 1921 promovierten bei ihm die ersten vier.
Die Kölner Jahre waren entscheidend für das Werden S.s als Wissenschaftler. Er entdeckte für sich ein anderes Arbeitsfeld, als die durch Aschaffenburg erschlossene forensische Psychiatrie. Vielleicht war es S.s Veranlagung zu nahezu philosophischen Verallgemeinerungen, das seinen Ansatz zur Psychiatrie und letztendlich sein Lebenswerk bestimmte. Auch im Alter sprach S. über "philosophische Besinnung, ohne die keine Psychiatrie sein kann" (S., 1956, Kraepelin, 1). Nicht zufällig nimmt S. an einem Seminar "Über das Problem Leib und Seele" des Kölner Philosophen Max Scheler (1874-1928) teil. Nach etwa einem Jahr promovierte er bei Scheler zum Dr. phil.: Dass einige Arbeiten Schelers von großer methodologischer Bedeutung für die Psychiatrie sind, verstand S. sofort und verwandte sie in eigenen Forschungen.
Eben diese "philosophische Besinnung" machte S. zum Bewunderer und Nachfolger von Karl Jaspers (1883-169), der bekanntlich zunächst als Psychiater tätig war. Bei Jaspers sah S. das ihm selbst naheliegende Streben "die neurologische Knechtschaft der Psychiatrie" zu beenden (S., 1919, Reine Psychiatrie.., 161). Jaspers hatte die phänomenologische Richtung als eigene Methode in die Psychiatrie eingeführt und in den drei Auflagen seiner klassischen "Allgemeinen Psychopathologie" (1913, 1920, 1923) endgültig festgelegt. Wie S. später formulierte,  wurde dort die "klare Sonderung der innerhalb der psychiatrischen Wissenschaft anwendbaren Methoden" angegeben (S., 1938, 281). 1921 begann ein wissenschaftlicher Briefwechsel zwischen S. und Jaspers, der bis 1955 dauerte. (Ab 1938 regte S. Jaspers zu einer neuen (4.) Auflage der "Allgemeinen Psychopathologie" an und half ihm bei dieser Arbeit. Im Vorwort (1942) dankte Jaspers S.: "Er hat mir nicht nur durch scharfe Kritik und wertvolle Hinweise Anregungen gegeben, sondern durch seine bejahende, fordernde Haltung meine Arbeit ermuntert". Nach dem Krieg unterstützte Jaspers die Berufung S. nach Heidelberg und noch später nahm er an der Festschrift zum 60. Geburtstag S.s teil.)
So errichtete S. sein eigenes Werk auf der von Jaspers geschaffenen Basis. S. hat dessen Ansatz nicht nur weiter geführt, sondern für die klinische Tätigkeit wirklich effektiv gemacht. Seine Methode der Erfassung der klinischen Gegebenheiten nannte er "analytisch beschreibende". Insbesondere trennte S. die rein psychiatrischen Krankheiten von denen, die durch Gehirnverletzungen entstehen und die der Neurologie gehören und nur symptomatisch den rein psychiatrischen Krankheiten ähnlich sind. Ferner führte S. den Begriff Zyklothymie für die zyklisch verlaufene Geistkrankheiten, entwickelte das Konzept der Schizophrenien, analysierte verschiedene Formen von Depressionen und Vieles mehr.

Anfang 1931 suchte man einen Leiter der Klinischen Abteilung an der durch  Emil Kraepelin gegründeten Forschungsanstalt für Psychiatrie in München, Teil des Instituts der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. S. wurde berufen, und weil die Psychiatrische Abteilung des Krankenhauses Schwabing als klinische Basis der Forschungsanstalt diente, wurde S. gleichzeitig Chefarzt dieser Abteilung. Im selben Jahr berief man ihn auch als a. o. Professor für Psychiatrie an die Münchener Universität. In München entwickelte S. seine "analytisch beschreibende" Methode weiter. Während seiner ersten Jahre in München las er auch eine einstündige Vorlesung für Medizin-Studenten über "Psychologie und Psychopathologie" 
Die "Machtergreifung" brachte starke  Veränderungen. S. war wohl deutsch-national gesinnt, aber gegenüber der national-sozialistischen Ideologie sehr ablehnend eingestellt, insbesondere sah er schon früh im "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" (Juli 1933) den ersten Schritt zur organisierten Vernichtung Geisteskranker. Damals proklamierte S. in seinen Vorlesungen über Psychiatrie: Diese "sieht im Geisteskranken nicht schlechthin eine Mißgeburt, sondern einen Menschen, der Anspruch auf Verständnis, Fürsorge und Liebe hat" (S., 1934, Psychiatrische Vorlesungen, Vorwort).
In diese Zeit fiel auch ein bemerkenswertes Ereignis: S. war der einzige Psychiater, der mit Hitler unter vier Augen sprach. Der "Führer" machte Besuch bei einem ihm persönlich bekannten hochbetagten Patienten, der aus Hitlers Geburtsort Braunau stammte, und redete mit dem alten Mann über seine Jugendjahre. Obwohl der Mann eine schwere zerebrale Altersveränderung hatte, Hitler fand ihn für ganz normal - ein üblicher Fehler von Laien - und wollte nun mit dem Abteilungsleiter sprechen. S. musste eine lange Belehrung anhören, wie schnell und wie gründlich er, Hitler, den tatsächlichen Zustand des Patienten erkannt habe, und wie wenig sonst, außer ihm, hier jemand dies begreife. Zweimal versuchte  S. ihm die wahre Situation zu erklären, aber vergeblich: Hitler unterbrach ihn sofort. "Man hatte wirklich das Gefühl, mit einem Stahlblock zu sprechen", so erzählte S. später (Bürger-Prinz, 1971, 212). Glücklicherweise hatte dieser Besuch keine Folgen.

Ab WS 1934/35 schränkte S. seine Zugehörigkeit zu der Universitätein, indem er, nun als Honorarprofessor, nur "Krankenvorstellung" in Schwabing ankündigte. Er wollte einfach nicht im Dritten Reich als Hochschullehrer wirken. Dreimal hatte er in diesen Jahren Rufe auf einen Lehrstuhl abgelehnt: 1934 Hamburg, 1936 Halle, 1939 Breslau. Bemerkenswert ist, dass S. auch als Nachfolger von R. Gaupp in Tübingen 1936 betrachtet wurde, wobei Gaupp selbst ihn als ersten Kandidaten benannte. S. erhielt den Ruf jedoch nicht, insbesondere wegen Zweifel an seiner "nationalsozialistischen Gesinnung" (UA Tübingen, 315/21).
Bezeichnend ist, dass 1938, als Jaspers bereits von seinem Lehrstuhl in  Heidelberg entlassen worden war und im Dritten Reich in Ungnade fiel, S. einen wichtigen Artikel zum fünfundzwanzigsten Jahrestag dessen "Allgemeinen Psychopathologie" publizierte, um ihre Bedeutung für die "uns noch lebendige psychiatrische Wissenschaft" zu betonen (S., 1938, 161). Später, 1942, schrieb S. an K. Jaspers: "Und dann ist eben die Zeit der Humanität vorüber und mit ihr ist unser Beruf und Stand entzwei gegangen" (Janzarik, 1984, 22). Auch S.s literarische Tätigkeit verringerte sich. Viel später, in einem Brief vom 27. Jan. 1947, erklärte er: "Ich habe mit Kriegsbeginn in ausgesprochenem Protest zur Entwicklung der 'Psychiatrie' nichts Neues mehr veröffentlicht, sondern lediglich Neuauflagen gemacht, wo sie notwendig waren" (UA Heidelberg, PA 1162). S. konzentrierte sich nur auf seine klinische Arbeit in Schwabing im engen Kreis treuer Mitarbeiter. 
Mit Beginn des Kriegs wurde S. zur Wehrmacht einberufen. Er konnte es jedoch so einrichten, dass man ihn immer wieder zur "Lehrtätigkeit" an die Universität München kommandierte, so dass er jedesmal als Chefarzt die wichtigsten Dinge erledigte. Insbesondere sollte er einen stetigen zähen Kampf gegen verschiedene Behörden führen, die versuchten, die Schwabinger Psychiatrie den Heil- und Pflegeanstalten einzuverleiben, um Zugriff auf ihre Patienten zu erlangen. S. verteidigte seine Abteilung erfolgreich. Im Mai 1944 wurde S. zur Lehrtätigkeit auf Abruf beurlaubt und blieb dann in Schwabing bis zum Kriegsende. Anfang 1945 konnte er die jüdische Ärztin Magdalena Schwarz (1900-1971) vor der Deportation retten, indem er sie als Patientin im geschlossenen Bereich seiner Abteilung bis zum Kriegsende versteckte.

Nach dem Zusammenbruch 1945 beschlagnahmten Amerikaner die Klinik in Schwabing als Lazarett, die psychiatrische Abteilung wurde aufgelöst, so wurde es für S. ganz eng. Zu seinem Glück erreichte ihn der Ruf nach Heidelberg: Dort war der Lehrstuhl für Psychiatrie und Neurologie vakant. Bereits im Juli 1945 erfragte K. H. Bauer (1890-1978), erster Rektor der noch nicht neu eröffneten Universität, die Meinung K. Jaspers bezüglich der Kandidatur S.. Jaspers benannte die Arbeiten S.s als "ausgezeichnet durch den Sinn für das Wesentliche und Grundsätzliche" (Janzarik, 1984, 19).  Anfang September hat die Fakultät S. "primo et unico loco" vorgeschlagen. Er wurde o. Professor zum 1. Januar 1946, aber durch Komplikationen mit den Besatzungsbehörden und Transportschwierigkeiten konnte er mit der Familie erst Anfang März umziehen.
S. war 59 Jahre alt, als er nach Heidelberg kam, so konnte er hier nur noch neun Jahre aktiv wirken. Diese Jahre erscheinen aber außerordentlich fruchtbar und folgenschwer.
S. erwarteten schwierige organisatorische Aufgaben. Bereits nach einigen Monaten wurde er Dekan und in dieser Eigenschaft wurde er mit einem großen Andrang von Studenten konfrontiert. Er setzte die Veränderung der damals allgemein üblichen Zulassungsordnung durch, dass Studenten nicht mehr nach ihrem politischen Fragenbogen, sondern aufgrund eines persönlichen Gesprächs beurteilt werden. Den Großteil dieser Gespräche führte er selbst.
Nach wenigen Jahren wählte man S. zum Rektor. Mit seiner vollen Verantwortung und meisterhaften Fähigkeit, schnell jede Frage zu versachlichen und sich nie im Unbedeutenden zu verlieren, gewann S. hohe Achtung auch von Seiten des damals noch amtierenden amerikanischen Universitätsbeauftragten. So erreichte S. z. B.die Rückgabe des beschlagnahmten neuen Universitätsgebäudes. Er konnte auch reiche Spenden für die Universität einholen.
Wissenschaftlich war es das Jahrzehnt der Wiederbelebung der Psychiatrie nach ihrem Niedergang im Dritten Reich, es wurde durch S.s Werk bestimmt. Das bedeutete nicht nur erfolgreiche klinische und lehrende Tätigkeit, sondern auch reiche wissenschaftliche und literarische Arbeit. 
S. war als Kind seiner Zeit "Somatiker sozusagen mit Leib und Seele, fest davon überzeugt, dass auch die seelischen Krankheiten vorwiegend somatisch bedingt seien" (Schaefer, 1986). Deswegen trat er auch gegen die Abtrennung der Psychotherapie von der Psychiatrie an. Sehr selbstkritisch, ließ er jedoch die Möglichkeit seelischer Verwirrungen ohne somatische Ursache offen. Später wurde argumentiert, dass die Einstellung S.s, genauer, sein Psychopathiebegriff, hemmend auf die Entwicklung des psychosomatischen Denkens gewirkt habe (Kröber, 1984). Diese Argumentation mag als zutreffend gelten, aber sie verringert die Bedeutung des Lebenswerks S.s jedoch nicht.
Im Juli 1946 - er wurde eben zum Dekan für das nächste Jahr gewählt - hielt S. den nach der Form tadellosen und äußerst ideenreichen Vortrag "Psychiatrie und die Fakultäten", in dem er eine besondere Stellung der Psychiatrie proklamierte: Psychiatrie sei eng verbunden nicht nur mit der Medizin, sondern auch mit der Psychologie, mit der Philosophie im eigentlichen Sinn, aber auch mit der Literaturwissenschaft, mit der Rechtswissenschaft und schließlich mit mehreren Problemen der Theologie, besonders im Gebiet der Seelsorge. Solch eine Breite spiegelt gleichzeitig eine tiefe und vielseitige Kenntnis und die entsprechende Einstellung S.s wieder.
Die Zusammenhänge seines Fachs mit der Rechtswissenschaft betrachtete S. speziell im vieldiskutierten Vortrag über "Die Beurteilung der Zurechnungsfähigkeit" - "im deutschen juristischen Schrifttum am meisten zitierte psychiatrische Titel" (Janzarik, 1984, 20).
Hinsichtlich der Literaturwissenschaft ist hier zu betonen, dass S. lebenslang  ein tiefes Interesse zu Dichtung und Literatur pflegte. Einige seiner psychiatrischen Arbeiten sind eben diesem Aspekt gewidmet, insbesondere der hochinteressante Vortrag "Der Dichter und der Psychopathologe". S. war ein ausgezeichneter Kenner der deutschen Lyrik, "aber nur ganz wenige kennen seine eigenen Gedichte, unter denen sich vollendete Kunstwerke finden" (Weitbrecht, 1968, 320). Eine strenge Auswahl wurde privat gedruckt. 
Trotz seiner vielseitigen wissenschaftlichen und literarischen Interessen vermied S. streng jede Zersplitterung und eben deswegen konnte er "ein psychiatrisches Lebenswerk von bewundernswerter Geschlossenheit und Konsequenz hinterlassen" (v. Baeyer, 1967, 122).

Von S. stammen etwa 160 Publikationen. Außer einigen früheren Arbeiten - S. selbst zitierte sie nie - sieht das gesamtes Werk S.s ganz einheitlich aus: Der Aufbau eines Systems der Psychopathologie. Dabei wirkte S. als genialer Vereinfacher. 1948 formulierte er: "Unser Entwurf gleicht wie jedes System einem starren Baum mit starren Asten. Die bewegliche Umkleidung mit Laub kann und soll in ihm nicht zur Geltung kommen. Die lebendigen Bilder zeigen oft einen sehr komplizierten Aufbau." (S., 1948, Beiträge.., 2. Aufl., 9) Jedoch eben dies - die Abgrenzung der Varianten von den Psychosen und die brauchbare Einteilung dieser Varianten - bildet das verbleibende Verdienst S.s in der Psychiatrie.

Als Quintessenz des Lebenswerks S.s gilt bestimmt seine "Klinische Psychopathologie". Der Begriff selbst erschien zum ersten Mal 1936 im Vorwort zur 2. Auflage des kleinen Lehrbuchs von S. "Psychiatrische Vorlesungen für Ärzte", die als erster unvollkommener Entwurf des späteren Werks betrachtet werden kann. 1946 und 1948 wurden die 1. und 2. Auflage von "Beiträgen zur Psychiatrie" publiziert, die S. später als "die fragmentarischen Anfänge" seines Hauptwerks bezeichnete (im Vorwort zu dessen 6. Auflage, 1962). Tatsächlich gingen ins Buch Ergebnisse ein, die S. seit seiner Kölner Zeit gesammelt und in vielen Artikeln und mehreren Monographien dargestellt hatte. Die 3. Auflage der "Beiträge", bedeutend erweitert und umgestaltet, bekam den heutigen Titel "Klinische Psychopathologie". Dies ist die Wissenschaft, die sich "mit dem seelisch Abnormen im Hinblick auf klinische Einheiten" befasst; so wird sie "zur psychopathologischen Symptomlehre und Diagnostik" (S., Vorwort zur 4. Aufl., 1955). Das Buch wurde zum Standardwerk, dessen letzte (15.) Auflage 2007 erschien, über zahlreichen Übersetzungen weltweit ganz zu schweigen.
So versteht sich die klinische Psychopathologie S.s nicht nur als ein Meilenstein in der Geschichte der Psychiatrie, sondern auch als deren aktueller Bestandteil.

Q  UA Köln: Zug. 44 / 535,  Nr. 20 (Promotionsakte der Phil. Fakultät);  UA München: Sen-I-133 (Berufungsakte des Akademischen Senats), F-II-3025 (Personalakte des Akademischen Senats); UA Heidelberg: PA 1162, PA 2983, PA 5728 (Akten S.); H-III-587/1 (Akten d. Med. Fak., Berufung S.); H-II-868/11 (Ehrenpromotion S. zum Dr. jur.); B-II-159-d (Ehrenpromotion S. zum Dr. theol.); Auskünfte: des StadtA Crailsheim vom 24. u. 28.02.2012; des Bürgeramts Heidelberg vom 22.02.2012; des Standesamts Welzheim vom 27.02.2012; des StadtA Ulm vom 29.02. u. 2.03.2012; des Archivs der Max-Plank-Gesellschaft, Berlin vom 1.03.2012; des Dt. LiteraturA Marbach/Neckar vom.8. u. 13.03.2012; des HauptStA Stuttgart vom 13.03.2012; des StadtA München vom 21.03..2012; des A des Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums vom 5.04.2012, des StadtA Stuttgart vom 24.04.2012.

W  Über einige klinisch-psychologische Untersuchungsmethoden u. ihre Ergebnisse, in: Zs für die gesamte Neurologie u. Psychiatrie 8, 1912, 553-615; Über Erinnerungsfälschungen bei Zwangsdenken, ebd., 28, 1915, 90-112; Einige psychiatrische Erfahrungen als Truppenarzt, ebd., 39, 1918, 307-314; Schizophrene Kriegspsychosen, ebd., 43, 1918, 420-429; Verse einer Schizophrenen, ebd., 48, 1919, 391-398; Reine Psychiatrie, symptomatische Psychiatrie u. Neurologie, ebd., 49, 1919, 159-166; Die Schichtung des emotionalen Lebens u. d. Aufbau d. Depressionszustände, ebd., 59, 1920, 281-286; Über reaktive Manie u. Angstmanie, in: Monatsschrift für Psychiatrie u. Neurologie 46, 1919, 176-180; D. Krankheitsbegriff in d. Psychiatrie, ebd., 49, 1921, 154-158; Pathopsychologische Beiträge zur psychologischen Phänomenologie von Liebe u. Mitfühlen, in:  Zs für die gesamte Neurologie u. Psychiatrie 65, 1921, 109-140; D. Dichter u. d. Psychopathologe, 1921; Studien über Persönlichkeit u. Schicksal eingeschriebener Prostituierter, 1921, 21926; Versuch über die Arten d. Verständlichkeit, in: Zs für die gesamte Neurologie u. Psychiatrie 75, 1922, 323-327; Die psychopatischen Persönlichkeiten, in: G. Aschaffenburg (Hg.) Handbuch d. Psychiatrie, Spezieller Teil, 7. Abt., 1.Teil, 1923, S. 1-96 u. als eine Monographie 21928, 31934 41940, 51942, 61943, 71944, 91950; D. triebhafte u. d. bewußte Mensch, in: Jahrbuch d. Charakterologie 1, 1924, 345-351; Zwangszustände u. Schizophrenie, in: Archiv für Psychiatrie 74, 1925, 93-107; Die phänomenologische Richtung in d. Psychiatrie, in: Philosophischer Anzeiger 1, 1925-1926, 382-404; Zur Einführung in die Religionspsychopathologie, 1928; Über primitiven Beziehungswahn, in: Zs für die gesamte Neurologie u. Psychiatrie 127, 1930 (Festschrift für Robert Gaupp), 725-735; Dr. Kurt Blum+, in: Psychiatrisch-neurologische Wochenschrift 34, 1932, 538; Probleme d. klinischen Psychiatrie, 1932; Psychiatrische Vorlesungen für Ärzte, 1934, 21936; Pathopsychologie d. Gefühle u. Triebe, 1935; Fünf Jahre klinische Erfahrung an d. Forschungsanstalt für Psychiatrie, in: Deutsche med. Wochenschrift 63, 1937, 957-962; 25 Jahre "Allgemeine Psychopathologie" von Karl Jaspers, in: D. Nervenarzt 11, 1938, 281-283;
Psychischer Befund u. psychiatrische Diagnose, 1939, 21942; Beiträge zur Psychiatrie, 1946, 21948; Die Psychiatrie u. die Fakultäten, 1947; Die Beurteilung d. Zurechnungsfähigkeit, 1948, 21953, 31956,41961; Gedichte. Privat gedruckt o.J. (vor 1950); Klinische Psychopathologie, 1950 (Dritte, vermehrte Auflage d. Beiträge zur Psychiatrie), 41955, 51958, 61962, 71965, 81967, 91970, 101973, 111976,121980, 131987, 141992, 152007; Psychiatrie heute [Rektoratsrede 22.Nov. 1951], 1952, 21953, 31960; Über den Wahn, 1952; Über die Grenzen d. Psychologisierung, in: D. Nervenarzt 24, 1953, 89f.; Klinische Gedanken über die Sinngesetzlichkeit, in: Monatsschrift für Psychiatrie u. Neurologie 125, 1953, 666-670; Kraepelin u. die gegenwärtige Psychiatrie, in: Fortschritte d. Neurologie, Psychiatrie u. ihrer Grenzgebiete 24, 1956,1-7.

L G. Huber, S., in: NDB 23, 2007, 300f.; DBE, 2. Aufl. 9, 2008, 104; 25 Jahre Kaiser Wilhelm-Gesellschaft, 1936, Bd. I, 131-137, Bd. II, 400f.; H. J. Weitbrecht, K. S. 80 Jahre - 80 Jahre Psychopathologie, in: Fortschritte d. Neurologie, Psychiatrie u. ihrer Grenzgebiete 35, 1967, 497-515; H.-H. Meyer, Zum Tode von K. S., in: Deutsches Ärzteblatt  64, 1967, 2578f. (B); W. Ritter von Baeyer, K. S.+, in Ruperto Carola 19, H. 42, 1967, 122f. (B); Gedenkfeier für K. S. am 28. Januar 1968, ebd., 20, H. 43/44, 1968, 194-205 (B, S. 196); H. J. Weitbrecht, K. S.+, in: Deutsche med. Wochenschrift 93, 1968, 320-322; H. Kranz, In Memoriam K. S., in: Archiv für Psychiatrie 211, 1968, 1-6 (B); K. P. Kisker, K. S.+, in: D. Nervenarzt 39, 1968, 97f. (B); Wilhelm Appel, Personalbibliographien von Professoren u. Dozenten d. Psychiatrie u. Neurologie an d. Medizinischen Fakultät d. Universität München u. von den Abteilungsleitern d. Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie in München im ungefähren Zeitraum von 1870-1945, mit kurzen biographischen Angaben u. Überblick über die Hauptarbeitsgebiete, Med. Diss. Univ. Erlangen, 1970, 191-199; H. Bürger-Prinz, Ein Psychiater berichtet, 1971, 25f., 28f., 34-36, 51f., 210-213 (B zwischen 192 u. 193); Gerd Huber, Die klinische Psychopathologie von K. S., in: Werner Janzarik (Hg.), Psychopathologie als Grundwissenschaft, 1979, 102-111; J. Hoenig, K. S. and anglophone psychiatry, in: Comprehensive Psychiatry 23, 1982, 391-400;
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